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Sittich SOS Ratgeber für Sittichhalter

Freiflug: wie viel, wie sicher, wie du anfängst

Täglicher Freiflug ist Grundbedarf, kein Extra. Wie du ein Zimmer vogelsicher machst, welche Fallen die gefährlichsten sind und wie der Vogel abends zurückkommt.

Redaktion Sittich SOS 5 Min. Lesezeit

Sittich im Flug zwischen Sitzstange und Fensterbank in einem Wohnraum

Kaum ein Ratschlag zur Sittichhaltung fällt so oft wie „täglicher Freiflug“ — und kaum einer wird so selten erklärt. Wie lange eigentlich? Was muss vorher aus dem Raum? Und was macht man, wenn der Vogel abends nicht zurückwill? Dieser Beitrag beantwortet die drei Fragen der Reihe nach.

Schlüsselerkenntnisse

  • Freiflug ist Grundbedarf, kein Zusatzangebot. Ein Käfig ersetzt ihn nicht, egal wie groß er ist.
  • Als Untergrenze gilt eine Stunde täglich; mehr ist besser, und viele Halter lassen den Käfig tagsüber ganz offen.
  • Die gefährlichsten Fallen sind gekippte Fenster, geschlossene Scheiben, offene Töpfe und überhitzte Beschichtungen.
  • Der Rückweg in den Käfig wird geübt, nicht erzwungen. Wer seinen Vogel fängt, verliert Vertrauen.
  • Ein Raum wird vor dem ersten Freiflug vorbereitet, nicht währenddessen.

Warum es nicht ohne geht

Ein Sittich ist auf Dauerflug gebaut. Sein Kreislauf, seine Muskulatur und sein Stoffwechsel setzen Bewegung voraus, die im Käfig auch bei guter Größe nicht zustande kommt — dort wird geklettert und geflattert, aber kaum geflogen.

Was fehlender Freiflug anrichtet, taucht in fast jedem anderen Thema wieder auf:

  • Verfettung. Sie belastet Leber und Herz und erhöht bei Weibchen das Risiko für Legenot. Wie du das Gewicht beurteilst, steht unter Gewicht kontrollieren.
  • Muskelabbau. Ein Vogel, der nie fliegt, verliert die Kraft dazu — und dann wird jeder Versuch zum Absturz.
  • Langeweile. Sie ist eine der häufigen Ursachen für Federrupfen und für Aggression gegen den Partnervogel.

Deshalb steht der Satz so oft in den Ratgebern: Die Käfiggröße entscheidet, wie der Vogel die Nacht verbringt. Der Freiflug entscheidet, wie er lebt.

Wie viel

Als Untergrenze hat sich eine Stunde täglich eingebürgert, und weniger sollte es nicht sein. Sinnvoller ist es, die Frage umzudrehen: Nicht „wie lange darf er raus“, sondern „wie lange muss er rein“. Viele Halter öffnen den Käfig morgens und schließen ihn abends; der Käfig ist dann Schlaf-, Futter- und Rückzugsort, nicht Aufenthaltsraum.

Zwei Einschränkungen dazu:

Regelmäßigkeit schlägt Länge. Jeden Tag eine Stunde ist besser als am Wochenende fünf. Vögel leben in festen Tagesabläufen, und ein unregelmäßiger Freiflug macht sie unruhig statt ausgeglichen.

Nicht in der Dämmerung anfangen. Wird es dunkel, während der Vogel draußen ist, findet er den Rückweg schlecht und gerät in Panik. Freiflug endet, solange es hell ist.

Das Zimmer vorbereiten

Das ist der Teil, der vor dem ersten Mal passiert — nicht nebenbei, während der Vogel schon fliegt.

Fenster und Spiegel. Eine geschlossene Scheibe ist für einen Vogel keine Wand, sondern Landschaft. Gardinen zuziehen, Rollos halb herunter, große Spiegel abhängen oder abdecken. Das gilt beim ersten Freiflug in einem neuen Raum besonders.

Gekippte Fenster sind die schlimmste Falle. Der Spalt verjüngt sich nach unten; ein Vogel, der hineinrutscht, kommt nicht mehr heraus und verletzt sich beim Versuch schwer. Fenster im Freiflug entweder ganz zu oder ganz auf mit Gitter — niemals gekippt.

Küche und offene Gefäße. Töpfe, Wasserkocher, Pfannen, gefüllte Spülbecken, Blumenvasen, Tassen. In allem, worin Flüssigkeit steht, kann ein Sittich ertrinken oder sich verbrühen. Die Küche ist der ungeeignetste Freiflugraum, den eine Wohnung hat.

Überhitzte Beschichtungen. Antihaftbeschichtetes Kochgeschirr setzt bei starker Überhitzung Dämpfe frei, die für Vögel tödlich sind — sie riechen nichts, sie bemerken nichts, und es geht schnell. Dasselbe gilt für selbstreinigende Backöfen und beschichtete Bügeleisen. Kein Freiflug, während gekocht wird.

Luft. Zigarettenrauch, Duftkerzen, Raumsprays, Räucherstäbchen, frisch aufgetragene Lacke und Reinigungsmittel im Sprühnebel. Vögel haben ein außerordentlich empfindliches Atemsystem; was Menschen als „streng“ empfinden, ist für sie eine Belastung — siehe Atemgeräusche.

Pflanzen. Viele Zimmerpflanzen sind giftig, und ein Sittich probiert grundsätzlich alles an. Welche gehen und welche nicht, steht in der Giftliste.

Bewegliche und heiße Dinge. Ventilatoren, laufende Waschmaschinen mit offener Tür, Kerzen, Herdplatten, Kaminöfen. Schubladen und Türen, in die ein Vogel sich setzt und die jemand zudrückt.

Andere Tiere. Hund und Katze gehören während des Freiflugs aus dem Raum — auch der friedliche. Was dabei zu bedenken ist, steht unter Sittiche und Hunde.

Kabel und Kleinteile. Stromkabel werden benagt, Schmuck, Münzen und Kleinteile verschluckt. Zinkhaltige und bleihaltige Gegenstände sind besonders problematisch.

Landeplätze schaffen

Ein vorbereiteter Raum ist noch kein einladender Raum. Ein Vogel, der nirgends landen kann, fliegt bis zur Erschöpfung oder setzt sich auf Gardinenstangen und Bilderrahmen.

Sinnvoll sind ein freistehender Vogelbaum oder Landebretter an zwei, drei Stellen im Zimmer — am besten hoch, denn oben fühlen sich Vögel sicher. Ein Napf mit Wasser und etwas Futter außerhalb des Käfigs macht den Aufenthalt attraktiver. Wer keine Kotflecken auf Möbeln will, legt unter die Lieblingsplätze Zeitungspapier; das ist einfacher, als dem Vogel den Platz auszureden.

Wie du anfängst

Erst der Raum, dann die Tür. Vorbereitung abschließen, dann die Käfigtür öffnen und sich zurückziehen. Nicht herauslocken, nicht heraussetzen — der Vogel kommt, wenn er so weit ist. Beim ersten Mal kann das eine halbe Stunde dauern.

Kurz halten am Anfang. Zehn, fünfzehn Minuten reichen für die ersten Male. Ein ungeübter Vogel ermüdet schnell, und ein erschöpfter Vogel macht Fehler.

Ruhe im Raum. Kein Fernseher, keine hektischen Bewegungen, nicht mehrere Personen. Wer sitzt und liest, ist die beste Gesellschaft.

Nicht hinterherlaufen. Ein Sittich, der gejagt wird, lernt, dass Freiflug mit Bedrängung endet.

Wie er wieder in den Käfig kommt

Das ist der Punkt, an dem die meisten Halter zum Handtuch greifen — und genau das ist der Fehler. Fangen kostet Vertrauen, und zwar nicht nur für diesen Abend.

Über Futter. Der Käfig ist der Ort, an dem es das Beste gibt. Wer den Hauptnapf nur dort füllt und die Hirse dort anbietet, muss selten diskutieren.

Über Gewohnheit. Ein fester Zeitpunkt und ein immer gleiches Signal — ein Wort, ein Klopfen an den Napf — wirken nach ein paar Wochen zuverlässiger als jedes Locken.

Über Training. Auf Signal zum Käfig zu fliegen lässt sich sauber aufbauen; Clickertraining beschreibt genau diesen Weg. Wer damit anfängt, bevor es ein Problem gibt, hat später keines.

Über Licht. Wird der Raum langsam dunkler, sucht ein Vogel von selbst seinen Schlafplatz auf. Das funktioniert nur, wenn der Käfig sein Schlafplatz ist — ein weiterer Grund, ihn nicht als Gefängnis zu benutzen.

Bleibt der Vogel doch einmal draußen sitzen: Ruhe bewahren, Raum abdunkeln, ihn mit der Hand oder einer Sitzstange aufnehmen, wenn er zutraulich genug ist. Wie man dorthin kommt, steht unter Wellensittich zähmen.

Wenn er nicht fliegt

Ein Vogel, der die offene Tür ignoriert, ist entweder unsicher oder er kann nicht. Beides kommt vor.

Unsicherheit legt sich mit Geduld. Ein neu eingezogener Sittich braucht oft Wochen, ein Einzelvogel länger als ein Paar — Paarhaltung erklärt, warum.

Nicht fliegen können hat einen Grund: gestutzte Schwingen aus früherer Haltung, eine alte Verletzung, Übergewicht, oder Schwäche durch eine Erkrankung. Ein Vogel, der plötzlich nicht mehr fliegt, obwohl er es konnte, gehört untersucht — das ist kein Verhaltensproblem, sondern ein Krankheitszeichen. Wie du eine geeignete Praxis findest, steht unter vogelkundigen Tierarzt finden.

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine tierärztliche Beratung. Bei Verdacht auf eine Erkrankung gehört der Vogel zu einem vogelkundigen Tierarzt — Sittiche verbergen Symptome lange, und ein Tag Abwarten ist bei einem so kleinen Tier viel Zeit.

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